Ann-Marie Utz: Neben Digital und Social bleibt Print ein wichtiger Faktor. Wie können wir Kunden unterstützen, die weiter stark auf Print setzen?
Sven Gösmann: Print schrumpft, bleibt aber ertragreich und relevant. Viele Verlage haben zunächst konsequent digital skaliert und dann gemerkt, dass Reichweiten irgendwann ein Plateau erreichen. Daraus ergibt sich eine neue Balance: digital weiterentwickeln und Print zugleich stärken. Wir haben darauf schnell reagiert, indem wir Angebote stärker kuratieren und passgenau liefern. Eine Hilfe ist eine strukturierte Auswahl der wichtigsten Stücke in klaren Bereichen, damit Zeitungsmacherinnen und Zeitungsmacher ihre Ausgaben effizient planen und rechtzeitig produzieren können. Gleichzeitig liefern wir Texte in passenden Längen und Formaten, damit Printproduktion zunehmend automatisiert oder teilautomatisiert laufen kann. Das ist nicht nur eine Produktfrage, sondern eine Prozessfrage: Wir müssen die Produktionslogiken unserer Kunden verstehen, damit unsere Inhalte reibungslos in deren Abläufe passen. Und ich hätte vor einigen Jahren nicht erwartet, wie stark Print in dieser Form wieder strategisch wichtig wird – auch, weil Print Zielgruppen erreicht, die gesellschaftlich und politisch sehr relevant sind.
Ann-Marie Utz: Verändern sich dadurch auch unsere Produkte? Müssen Texte anders werden, um zukunftsfähig zu bleiben?
Sven Gösmann: Das passiert bereits. Zeitungen entwickeln sich – auch als E-Paper – in Richtung Tagesmagazin: weniger reine Meldungsabfolge, mehr Einordnung, Erklärung, Kontext. In einer komplexen Welt müssen Begriffe und Zusammenhänge verständlich gemacht werden, häufig sehr schnell. Wenn plötzlich eine Region oder ein Thema aufpoppt, brauchen Leserinnen und Leser Orientierung: Was ist passiert, warum ist es wichtig, was bedeutet es? Diese Einordnungsleistung liefern wir in hoher Geschwindigkeit – und sie zahlt auf Vertrauen ein.
Ann-Marie Utz: Wenn wir über Vertrauen sprechen, kommen wir wieder zur Verifikation. Ist das ein Feld, in dem wir Kunden noch stärker unterstützen können?
Sven Gösmann: Absolut. Korrektheit ist unsere DNA. Früher ging es stark darum, schnell zu sein – aber immer mit dem Anspruch, korrekt zu sein. Mit KI und der wachsenden Menge an Inhalten wird das noch entscheidender. Deshalb haben wir Techniken und Schulungsangebote ausgebaut und breit in den Markt gebracht. Tausende Journalistinnen und Journalisten sind bereits geschult worden, und es geht dabei nicht nur um klassische Verifikation, sondern zunehmend auch um das Verstehen und Anwenden von KI im redaktionellen Alltag. Es vergeht kaum eine Woche, in der unsere Trainerinnen und Trainer nicht unterwegs sind, um Möglichkeiten und Risiken greifbar zu machen. Ich bin dabei grundsätzlich optimistisch: KI bietet enorme Chancen, wenn man sie verantwortungsvoll nutzt.
Ann-Marie Utz: Astrid, was hat sich intern im letzten Jahr besonders beim Thema KI verändert? Welche Kompetenzen bauen wir auf?
Astrid Maier: Ein wichtiger Schritt waren klare KI-Guidelines. Wir haben früh begonnen, Regeln und Standards zu formulieren, das ist sogar international wahrgenommen worden. Auf dieser Grundlage haben wir 2024 mit internen Schulungen begonnen, danach KI-Funktionen in unser CMS integriert und KI-gestützte Produkte entwickelt, etwa einen Rechercheassistenten, der aus Archiv und laufendem Newsfeed Zusammenfassungen generieren kann. Jetzt bringen wir mit dpa-iq ein neues Angebot an den Markt, bei dem Kunden über KI-Schnittstellen Daten aus unseren Beständen nach Bedarf für agentische Workflows abrufen können. – Wichtig ist: Auch wir sind nicht „fertig“. Transformation ist ein Dauerzustand. Wir müssen kontinuierlich antizipieren, was als Nächstes kommt, und ständig im Austausch mit unseren Kunden bleiben und ihre Bedürfnisse verstehen.
Ann-Marie Utz: Was sollten wir Kunden künftig beim Thema KI mitgeben – jenseits einzelner Tools?
Astrid Maier: Es geht um Grundverständnis. Nicht nur „Welche Funktion kann das?“, sondern: Was passiert da eigentlich? Wie funktioniert ein LLM, was kann so ein System, und was kann es explizit nicht? In welchen Fällen ist es für mich als Journalistin nützlich – und in welchen eher nicht? Wenn wir es schaffen, uns und unsere Kunden auf ein gemeinsames Kompetenzniveau zu bringen, entsteht viel Potenzial. Und natürlich geht es um Integration in Prozesse. Bei dpa-iq zum Beispiel kann man Inhalte aus unserem Datenpool nutzen, aber auch eigenen Content einbringen. Gerade kleinere Kunden wollen oft keine eigene KI-Infrastruktur aufbauen. Dann übernehmen wir die Infrastrukturarbeit, und man kann eigenen Content mit dpa-Content kombinieren. Daraus lassen sich automatisierte Produkte erzeugen – etwa Morning Briefings als Newsletter, Podcasts mit oder ohne KI-Stimme, und wahrscheinlich auch Formate, die wir heute noch nicht kennen.
„Entscheidend wird sein, unser Ohr noch stärker an digitale Debatten zu legen: Welche Themen bewegen Menschen in sozialen Medien? Wo entstehen Narrative? Und wie können wir diese Phänomene schnell in verifizierte journalistische Ergebnisse übersetzen? Wenn uns das gelingt, lösen wir einen zentralen Schmerz vieler Kunden: Orientierung im Informationsdschungel.“
Sven Gösmann

Ann-Marie Utz: Sven, braucht es in dieser KI-getriebenen Welt noch stärker journalistische Orientierung?
Sven Gösmann: Mehr denn je. Redaktionen sind vielerorts ausgedünnt und stehen unter Kostendruck. Gleichzeitig wird der Nachrichtenfluss dichter. Wir haben ein Auslandsnetz, das in dieser Form in Deutschland kaum vergleichbar ist. Diese Expertise ist ein Schatz, den wir bewahren und wirksam machen müssen. Und wir sollten offen bleiben für Impulse von Kunden – oft entstehen gute Ideen lokal, die dann für viele hilfreich sind. Entscheidend wird sein, unser Ohr noch stärker an digitale Debatten zu legen: Welche Themen bewegen Menschen in sozialen Medien? Wo entstehen Narrative? Und wie können wir diese Phänomene schnell in verifizierte journalistische Ergebnisse übersetzen? Wenn uns das gelingt, lösen wir einen zentralen Schmerz vieler Kunden: Orientierung im Informationsdschungel.
Astrid Maier: Verifikation ist für eine Nachrichtenagentur seit jeher eine Kernaufgabe – und sie gewinnt in der aktuellen Transformationsphase nochmals deutlich an Bedeutung. Denn mit der wachsenden Zahl KI-generierter Videos und Fotos steigt auch das Risiko gezielter Fälschungen. Vor diesem Hintergrund haben wir unser Angebot weiterentwickelt: Aus dem bisherigen Infokanal ist „Info & Verifikation“ geworden. In diesem Kanal können unsere Kundinnen und Kunden uns gezielt Hinweise geben – etwa wenn sie den Verdacht haben, dass ein im Netz kursierendes Foto oder Video manipuliert oder komplett gefälscht sein könnte. Wir greifen solche Hinweise auf und prüfen sie mit spezialisierten Teams und bildforensischer Expertise. Die Ergebnisse stellen wir unseren Kunden anschließend zur Verfügung. Wir gehen davon aus, dass der Bedarf in diesem Bereich wächst.
Ann-Marie Utz: Wenn wir in fünf Jahren zurückblicken: Welche Rolle soll die dpa in der Transformation gespielt haben?
Sven Gösmann: Ich glaube, die dpa wird als Leuchtturm und Dienstleister für verlässliche Information stehen. Es wird nicht nur darum gehen, fertige Inhalte in verschiedenen Sprachen und Formaten zu liefern. Es wird stärker darum gehen, Bedeutung zu markieren: „Das ist wichtig. Das musst du wissen. Das wissen wir dazu.“ Und im übertragenen Sinn braucht es den „notariellen Stempel“: eine nachvollziehbare, journalistisch verifizierte Einordnung, der man vertrauen kann. Orientierung wird immer wichtiger.
Ann-Marie Utz: Astrid, was ergänzt du?
Astrid Maier: Erstens dabei zu helfen, das bestehende Geschäft unserer Kunden zu stabilisieren – also Print und digitale Angebote sinnvoll zu bedienen –, und zweitens Kunden zeitgleich zu befähigen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Das ist auch für uns Transformationsarbeit. Wir bedienen heute ein Produkt-Spektrum, das es in dieser Breite noch nie gab: von Printpaketen und T-Shirt-Textgrößen für das angestammte Print-Geschäft bis hin zu Datenpunkten über KI-Schnittstellen für automatisierte Workflows in der KI-Informationsinfrastruktur. Diese Balance zu halten – den Spagat zwischen Tradition und Innovation –, wird die zentrale Aufgabe der nächsten Jahre sein.
Ann-Marie Utz: Wenn ihr unseren Kunden einen Satz mitgeben könntet, einen Mutspruch für die Transformation – wie würde der lauten?
Sven Gösmann: Bei der dpa sehe ich immer wieder: Es gibt mehr Talent, als man denkt. Menschen können sich in neue Themen einarbeiten und daraus journalistische Produkte machen. Es mangelt nicht an Geist, sondern oft an Freiraum und Verantwortung. Wenn Medien es schaffen, Talente zu fördern und ihnen Verantwortung zu geben, haben sie eine gute Zukunft.
Astrid Maier: Viele Unternehmen in Deutschland denken in alten Strukturen, weil sie es seit Jahrzehnten so gewohnt sind und es früher viel Erfolg gebracht hat. Daraus müssen wir gemeinsam ausbrechen, Neues ausprobieren und in Bewegung bleiben. Stillstand ist riskanter als jedes Experiment. Wer zu lange beobachtet, verpasst den Moment, auf den Zug aufzuspringen.
Ann-Marie Utz: Vielen Dank euch beiden.
Astrid Maier ist Stellvertreterin des Chefredakteurs und Chefin Strategie. Bevor sie 2023 zur dpa kam, arbeitete sie unter anderem in Leitungsfunktionen beim Manager Magazin, der Wirtschaftswoche und Xing.
Sven Gösmann ist seit 2014 Chefredakteur der Deutschen Presse-Agentur. Zuvor war er Chefredakteur der Rheinischen Post und arbeitete für die Bild-Zeitung und die Welt am Sonntag.
Ann-Marie Utz ist dpa-Redakteurin in Berlin und Trainerin für journalistische KI-Themen. Zuvor absolvierte sie ein Volontariat in der Nachrichtenagentur.
