Transformation ist ein Dauerzustand
KI ist in den Redaktionen angekommen – als Werkzeug, Beschleuniger und Herausforderung zugleich. Doch mit den technischen Möglichkeiten wächst auch der Druck: Wie bleiben Medien sichtbar, wenn Informationen immer öfter direkt von Chatbots kommen? Wie organisiert man Transformation, ohne die Menschen zu verlieren? Und warum wird Verifikation in Zeiten von KI-Fakes zum Wettbewerbsvorteil?
Ein Gespräch mit Sven Gösmann (Chefredakteur) und Astrid Maier (Stellvertreterin des Chefredakteurs und Chefin Strategie). Die Fragen stellte Redakteurin Ann-Marie Utz.
Ann-Marie Utz: Sven, wenn du auf die Redaktionen unserer Kundinnen und Kunden schaust: Wo erlebst du aktuell den tiefgreifendsten Wandel?
Sven Gösmann: Ich sehe zwei Bewegungen, die eng zusammenhängen. Erstens konsolidiert sich der Markt. Das führt dazu, dass Redaktionen zusammengelegt werden und stärker zentral gesteuert sind. Zweitens zieht Künstliche Intelligenz in die tägliche Arbeit ein. Sie ist der Kollege, der nicht müde wird: ein Werkzeug, das unterstützt, Routinen beschleunigt und Kapazitäten freisetzt. Gleichzeitig ist KI auch eine Herausforderung, weil sie neue Fragen nach Qualität, Verantwortung und Kontrolle aufwirft. Beides zusammen verändert das Verständnis davon, was Journalismus leisten muss – und wie er organisiert wird.
Ann-Marie Utz: Dieses neue Verständnis geht vermutlich mit Unsicherheit einher. Astrid, wo spürst du bei Kunden gerade den größten Druck?
Astrid Maier: Eine zentrale Unsicherheit betrifft die Geschäftsmodelle. Die letzten Jahre waren ohnehin stark von Transformation geprägt: Viele Häuser haben etwa Plus-Abos aufgebaut und Wachstum erzielt. Jetzt verändert KI das Such- und Nutzungsverhalten erneut. Wenn Menschen nicht mehr suchen, sondern Chatbots fragen und vollständige Antworten bekommen, sinkt die Bereitschaft, auf die dahinter verlinkte Quelle zu klicken. Für Medienmarken ist das eine existenzielle Frage: Was passiert, wenn Reichweite und Sichtbarkeit einbrechen und damit potenziell das digitale Geschäftsmodell gleich mit? Daraus folgt die nächste Transformationsstufe: Wie bleibt man sichtbar? Es reicht nicht mehr, Inhalte für SEO zu optimieren – künftig geht es stärker um Auffindbarkeit und Relevanz in KI-getriebenen Systemen. Und damit verbunden ist eine Vertrauensfrage: Wie stärken Medienmarken ihr journalistisches Profil in einer Umgebung, in der vieles nach „Antwort“ aussieht, aber nicht zwingend überprüft ist?
Ann-Marie Utz: Vertrauen und Sichtbarkeit hängen stark mit Verifikation zusammen. Astrid, was bedeutet das konkret?
Astrid Maier: Das hat viele praktische Konsequenzen. Es geht darum, Verifikation konsequent zu beherrschen und diese Kompetenz glaubhaft nach außen zu vermitteln. Dazu braucht es Nähe zu den Menschen: direkte Kontakte, auch offline – Veranstaltungen, Diskussionen, sichtbare Autorenschaft. „Gesicht zeigen“ heißt: erklären, wer hinter der journalistischen Arbeit steht, wie sie entsteht und warum sie verlässlich ist. Ich sehe darin sogar etwas Positives: Journalismus kann wieder stärker als Beziehung direkt mit dem Publikum verstanden werden.
Ann-Marie Utz: Wenn KI die Nutzung und die Produktion verändert: Was brauchen unsere Kunden darüber hinaus für die Transformation? Mehr Orientierung, mehr Tempo, mehr Training?
Sven Gösmann: Von allem etwas. Entscheidend ist aus meiner Sicht: In einer unsicheren Lage Sicherheit zu geben. Sicherheit im Sinne von „Ich verpasse nichts“ und „Das, was ich bekomme, stimmt“. Genau darin können sich unsere Kunden – und auch wir als dpa – vom Lärm da draußen unterscheiden. Draußen kursiert vieles: Manches ist korrekt, manches interessengeleitet, manches falsch. In diesem Umfeld wird Vertrauen zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal. Die dpa hat über Jahrzehnte eine Vertrauensbeziehung aufgebaut. Die muss man jeden Tag neu bestätigen – wie in einer guten Beziehung: Man begleitet sich durch den Tag und gibt einander Verlässlichkeit.
Ann-Marie Utz: Was heißt das für uns intern? Wie sollten wir selbst an Transformation herangehen?
Sven Gösmann: Für mich gibt es drei Ebenen. Erstens: aktives Zuhören – bei Kunden und Gesellschaftern. Wir müssen verstehen, was sie umtreibt, wo ihre Engpässe liegen und wie wir konkret helfen können. Zweitens: den Markt analysieren, auch international. Wohin entwickeln sich Plattformen, Formate und Nutzungsgewohnheiten? Drittens: über den Tellerrand schauen und von anderen Branchen lernen. Ich nehme oft die Musikindustrie als Beispiel: Dort hat Transformation vieles verändert, aber nicht die Nachfrage nach Musik und Emotion. Es gibt weiterhin Live-Erlebnisse; Formate haben sich verschoben, neue Plattformen haben enorme Verbreitung gebracht. Für uns heißt das: Wir müssen verstehen, welche Darreichungsformen von Information und journalistischer Einordnung künftig gefragt sind – und daraus passende Angebote ableiten.
Ann-Marie Utz: Astrid, wo würdest du den Fokus setzen – was ist heute anders als früher, wenn wir über Transformation sprechen?
Astrid Maier: Für mich steht über allem: Es gibt keinen Zustand „fertig“. Früher hatten Projekte oft einen klaren Anfang und ein Ende. Heute – besonders mit generativer KI – ist das Entwicklungstempo so hoch, dass auf jedes vermeintliche Verständnis direkt die nächste Welle folgt: neue KI-Modelle, neue Agentenformen, neue Schnittstellen, neue Möglichkeiten. Das fordert Resilienz. Und es verlangt, Menschen mitzunehmen. Transformation scheitert selten an der Technologie. Man kann Fähigkeiten aufbauen, schulen, neue Talente einstellen. Häufig scheitert Transformation aber an der Kultur, an Widerständen, an Angst vor Kontrollverlust. Unsere Aufgabe – intern wie bei Kunden – ist deshalb, Orientierung zu geben, Chancen realistisch aufzuzeigen, gleichzeitig Risiken nicht zu verharmlosen und allen das Gefühl zu geben, dass sie gesehen werden. Niemand muss Transformation allein stemmen.

„Unsere Aufgabe – intern wie bei Kunden – ist deshalb, Orientierung zu geben, Chancen realistisch aufzuzeigen, gleichzeitig Risiken nicht zu verharmlosen und allen das Gefühl zu geben, dass sie gesehen werden. Niemand muss Transformation allein stemmen.“
Astrid Maier
Ann-Marie Utz: Ein großer Teil der Zukunft scheint über veränderte Zielgruppen zu laufen. Viele Jüngere konsumieren Nachrichten über Creator und Social Media. Wie können wir unsere Kunden dabei unterstützen, diese Menschen zu erreichen?
Astrid Maier: Wir haben uns strategisch in Richtung „Video first“ bewegt. Das bedeutet: Beiträge werden nicht mehr ausschließlich vom Text her gedacht, sondern Bewegtbild wird früh eingeplant. Wer Video hat, kann daraus vieles ableiten: Text, Foto, O-Töne, Social Clips. Dazu kommt, dass wir andere Erzählformen erlernen müssen. Ein Beispiel ist unser Clean-Feed-Ansatz: kurze Videos im Hoch- oder Querformat, ohne Ton, mit Skript – so, dass Redaktionen daraus schnell Social-Formate bauen können. Außerdem sehe ich die dpa als Schnittstelle zwischen neuer und alter Welt: Wir können klassischen Medienhäusern helfen, Qualitätsjournalismus in Creator-Logiken zu übersetzen. Und wir können umgekehrt Creator dabei unterstützen, journalistische Standards zu verstehen – etwa bei Recherche und beim Prüfen von Fakten.
Ann-Marie Utz: Genau da setzt Verifikation an. Was müssen Menschen heute konkret können?
Astrid Maier: Wer journalistisch arbeitet, muss wissen, wie man Fakten überprüft und wie man KI-Fakes erkennen kann. Das ist kein Nischenthema mehr. Es ist Kernkompetenz in einer Welt, in der Bilder, Videos und Stimmen immer leichter zu manipulieren sind. Für uns liegt darin ein großes Feld, Kunden zu unterstützen – sowohl etablierte als auch neue Zielgruppen.