Geschäftsbericht
2023
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Auszug aus der ersten dpa-Meldung vom 1. September 1949

Auszug aus der ersten dpa-Meldung vom 1. September 1949

Wasserwerk, Großhandel, Medienkonzern – was eine Geschichte der dpa offenlegt 

Von Hans-Ulrich Wagner, Medienhistoriker

Das bekannteste Bild ist sicherlich das vom „Wasserwerk der Demokratie“. Wolfgang Büchner prägte den Begriff als Chefredakteur der dpa im September 2010. Bei der Eröffnung des ersten Berliner Newsrooms – nach dem Umzug der Zentralredaktion von Hamburg in die Hauptstadt – zog er den Vergleich: „Ich sehe die dpa als eine Art Wasserwerk der Demokratie. Wir wollen unseren Kunden in ganz Deutschland sauberes Wasser aus guten Quellen liefern.“ Schon damals ging es darum, „Gift in Form bewusster Falschinformationen“ zu verhindern und in der dpa die „Filter und Sperren“, die „Messtechnik und Alarmpläne“ entsprechend zu justieren. Die sorgfältig recherchierte, überprüfte, Objektivitäts-Kriterien genügende Nachricht war der Markenkern des Unternehmens dpa und sollte die Basis bilden für eine informierte Öffentlichkeit, die ihre Herausforderungen in einem demokratischen Gemeinwesen aushandeln möchte.


In Büchners Bild ist von „Kunden“ die Rede, nicht von Leserinnen und Lesern, Mediennutzerinnen und Mediennutzern. Die Rolle der dpa als B2B-Unternehmen bringt es mit sich, dass die Arbeit und die Leistung der Nachrichtenagentur in der Öffentlichkeit eher unbekannt sind. Die medienwissenschaftliche Forschung verwendet gern das Bild vom „Großhändler“ für diese Rolle im Hintergrund. „Nachrichtenbüros“, so formulierte es Emil Dovifat, der Doyen der Zeitungsforschung, in den 1930er Jahren, sind „Unternehmen, die mit schnellsten Beförderungsmitteln Nachrichten zentral sammeln, sichten und festen Beziehern weiterliefern“. Diese Rolle des Lieferanten wird im „Jahr der Nachricht“ 2024 Teil einer 175-jährigen Geschichte. 1849 gründete der Verleger Bernhard Wolff in Berlin Wolffs Telegraphisches Bureau und bildete bald zusammen mit den internationalen Agenturen Havas, Reuter und Associated Press (AP) das Kartell der großen Vier, das die Globalisierung der Nachrichten bis Anfang der 1930er Jahre mit einer Weltnachrichtenordnung bestimmte. 

Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellte sich in Deutschland die Frage der Neuordnung des Mediensystems, des Pressewesens und der Organisation der Nachrichtenagentur. Aus den bis dahin gesammelten Erfahrungen war klar: Eine neu zu gründende Nachrichtenagentur darf nicht der staatlichen Kontrolle unterliegen, wie es beim Deutschen Nachrichtenbüro (DNB) und bei Transocean (TO) im „Dritten Reich“ der Fall war. Sie sollte aber auch nicht den Kräften des freien Marktes unterworfen sein und ausschließlich gewinnmaximierende Ziele verfolgen. Als in Westdeutschland mit der am 20. Juni 1948 durchgeführten Währungsreform die Grundlage für eine neue Wirtschaftsordnung gelegt worden war und mit der Unterzeichnung des Grundgesetzes im Mai 1949 die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland begann, schlug die Geburtsstunde der Deutschen Presse-Agentur. Aus der Fusion der Nachrichtenagenturen in den drei westlichen Besatzungszonen entstand die nationale Nachrichtenagentur dpa, organisiert nach einem genossenschaftlichen Modell. 

Das berühmteste Vorbild hierfür lieferte die bewegte Geschichte von AP in den USA. Trotz der Konkurrenz zu den privatwirtschaftlichen Agenturen auf dem US-amerikanischen und vor allem auf dem globalen Markt setzte sich AP als eine von verschiedenen Zeitungsunternehmen getragene Genossenschaft durch, die mit dem ehernen Ziel von objektiven Nachrichten und einem Verständnis von „News“ als einem „public good“, einem gesellschaftlichen Wert, auftrat. Die westalliierten Siegermächte hatten dieses Modell vor Augen, als sie darangingen, das Nachrichtenwesen in den besetzten Gebieten zu entstaatlichen und neu zu gründende Nachrichtenagenturen jeweils als eine „nonprofit cooperative of its newspaper firm members“ zu etablieren. Dieses Modell wurde nicht nur in Westdeutschland umgesetzt, auch in Italien und in Österreich mit der Agenzia Nazionale Stampa Associata (ANSA) und der Austria Presse Agentur (APA) sowie in Japan, als im November 1945 Kyodo als Non-Profit-Unternehmen gegründet wurde und die bis dahin existierende staatliche Agentur Domei ablöste. 

Als im August 1949 die Bundestagswahlen den Weg zur konstituierenden Sitzung des ersten Deutschen Bundestags Anfang September 1949 ebneten, erfolgte in dieser Zeit der demokratischen Neuordnung auch die Gründung der Deutschen Presse-Agentur. Ein notariell besiegelter Gesellschaftsvertrag hielt am 18. August die Struktur dieses neuen Unternehmens fest; am 1. September wurde die erste dpa-Meldung versandt. Damit begann eine überaus bewegte 75-jährige Geschichte der dpa. Denn als nationale Agentur in der Bundesrepublik Deutschland musste sie sich von Anfang an auf einem hart umkämpften Nachrichtenmarkt behaupten. Als ein Medienunternehmen ganz besonderer Art unterliegt die Nachrichtenagentur dem strukturellen Wandel der gesamten Medienbranche und muss sich den jeweils aktuellen Herausforderungen stellen. Dabei geht es um nicht weniger als um den Wert, den Nachrichten haben, und den Wert, der ihnen zukommen sollte. Denn was ist eine „objektive Nachricht“, wie es im Gründungsdokument heißt? Wie will man die „Unabhängigkeit“ von Staat und Parteien, von Industrie und Wirtschaft gewährleisten? – eine Unabhängigkeit, die „Vertrauen“ schaffen soll und immer wieder unter Beweis gestellt werden muss. 

Aus den Dokumenten des Unternehmensarchivs der dpa, aus vielen Quellen weiterer Archive, aus Gesprächen mit Mitarbeitenden wird diese wechselvolle Geschichte der dpa nachgezeichnet. Sie legt die politischen Kämpfe einer Nachrichtenagentur der Nachkriegszeit offen und zeigt, wie eine Weltagentur entsteht, die der Medienbranche ein Vollsortiment an Auslands- und Inlandsdiensten anbietet, wie die Gesellschafter die Geschicke ihrer Nachrichtenagentur solidarisch und kritisch begleiten, wie aus der dpa GmbH ein moderner, breit aufgestellter Medienkonzern wird, der viele Dienstleistungen um das Kerngeschäft der Nachrichten anbietet. Als Medienunternehmensgeschichte zeigt sie, wie Entscheidungen aufs engste mit politischen Entwicklungen verknüpft sind und wie die Suche nach wirtschaftlicher Stabilität die Verantwortlichen zwingt, auf Veränderungen der Medienbranche schnell zu reagieren. Als eine Agenturgeschichte beleuchtet sie, wie technische Veränderungen aufgegriffen und für das Nachrichtenagenturgeschäft genutzt wurden, und als Mediengeschichte zeigt sie schließlich, wie sich die Arbeit der dpa-Angestellten vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen vollzieht. Die Auswertungen der Archivdokumente und der Zeugnisse münden in Agenturgeschichten über Konrad Adenauers Medienpolitik und Fritz Sängers Dagegenhalten als Chefredakteur in den 1950er Jahren, über die Arbeit von dpa-Korrespondenten im Ausland sowie in der Deutschen Demokratischen Republik, über Falschmeldungen in der Geschichte der dpa und den hausinternen Umgang damit, über die Rolle von Blitz- und Eilmeldungen, über dpa-Fotos, die Geschichte schrieben, über Projektinitiativen und Gründungen von Tochterunternehmen sowie über Umzüge im geographischen Sinn und Umzüge in den Köpfen.


Dr. Hans-Ulrich Wagner leitet das Forschungsprojekt „Die Geschichte der dpa“ am Leibniz-Institut für Medienforschung | ­Hans-Bredow-Institut in Hamburg und ist Autor der Buch­publikation „Im Dienst der Nachricht. Die Geschichte der dpa“ im Frankfurter Societäts-Verlag.