Geschäftsbericht
2023
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Diversität 

Franziska Spiecker: Wir brauchen auch mehr Diversität, mehr Perspektivenvielfalt. Ein Beispiel, das du häufig ansprichst, Sven, ist, dass wir mehr Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen in der Redaktion brauchen. Warum sagen wir das auf der einen Seite, aber bezahlen dann in der Regel keine Praktika?

Sven: Guter Punkt. Das hat natürlich zum einen finanzielle Gründe. Das Zweite ist: Wer hat sich bislang um ein Praktikum beworben? Das war sehr viel vom Gleichen.

Franziska: Aber das hängt ja damit zusammen. Wenn das Praktikum bezahlt werden würde, würden sich vielleicht andere bewerben.

Sven: Das kann ein Punkt sein, der das öffnet. Wir sind von den sozialen Hintergründen zu homogen. Zu viel Stadt, zu wenig Land. Da müssen wir uns fragen, wie man die Re­kru­tierungsprozesse insgesamt als Arbeitgeber gestaltet. Bezahlte Praktika können eine Antwort sein, ich bin dafür offen.

Ann-Marie: Zum Thema Menschen mit Migrationshintergrund: Ich habe das Gefühl, dass die Zielrichtung klar ist, aber ich frage mich: Was sind Strategien, um schneller dahin zu kommen? Kann eine Quote für Menschen mit Migrationshintergrund ein Weg sein? Oder gibt es andere konkrete Strategien, um die deutsche Gesellschaft abzubilden?

Sven: Die dpa ist mehr als die Redaktion. Ich glaube auch, dass sich zum Beispiel mit Kollegen in der Softwareentwicklung, die wir jetzt unter anderem aus Indien haben, eine andere Unternehmenskultur breitmacht. Man kann über Quoten nachdenken. Ich hoffe und glaube, dass die Zugwirkung sehr stark sein kann, wenn man Persönlichkeiten hat, die gesehen werden in sozialen Medien, oder einfach, weil sie eine Funktion übernehmen.

Hilal: Ich finde, dass wir übergreifend schon viel besser aufgestellt sind und dass die Hauptveränderung in der Redaktion notwendig ist. Es wird oft als Barriere vermittelt, wenn man die Sprache nicht beherrscht. Das finde ich als Haltung falsch. Mittlerweile ist Sprache kein Problem mehr im Journalismus. Wenn man sprachliche Probleme hat, dann kann man ChatGPT fragen: Siehst du hier grammatikalische Fehler? Und im Bewegtbild ist das weniger wichtig, weil du da nicht schreibst.

Sven: Das reine Wort-Volontariat gibt es nicht mehr. Sicherlich muss jemand, der hauptsächlich fotografiert oder die Kamera führt, die deutsche Sprache nicht mehr in ihren Verästelungen beherrschen. Bei Wort-Kolleginnen und -Kollegen ist das anders. Ich glaube, das bleibt eine Eingangsvoraussetzung, die übrigens auch nicht für alle Leute mit Zuwanderungsgeschichte eine Hürde ist. Aber der Anteil der Menschen, die sich auf den redaktionellen Job bewerben und die nicht Müller, Meier, Schulze heißen, ist relativ klein.

Hilal: Da will ich anknüpfen. Ich selbst bin ein sichtbares Beispiel. Man muss da strukturell rangehen. Sonst bleibt die Last – vor allem die emotionale – bei einer Person, weil diese ständig Sachen erklären muss. Ich weiß nicht, ob eine Quote unbedingt die Lösung ist, aber das wäre zum Beispiel eine strukturelle Herangehensweise.

Ann-Marie: Es gibt ja auch Dinge, die man kurzfristig umsetzen kann – so wie Schulungen für interkulturelle Sensibilität.

Franziska: Eine andere Maßnahme beim Nachwuchs, die ja schon manche Journalistenschulen anwenden, ist: Förderprogramme für Gruppen anbieten, die im Journalismus unterrepräsentiert sind. Zum Beispiel mit journalistischen Workshops und Tipps für den Bewerbungsprozess, um so zu versuchen, Hürden beim Jobeinstieg zu senken.