Zielgruppenorientierung
Benedikt Wenck: Es geht heute um Transformation, es geht um die Rolle des Journalismus in der Gesellschaft. Wir feiern in diesem Jahr 75 Jahre dpa, aber auch 75 Jahre Grundgesetz. Die Pressefreiheit ist im Grundgesetz zentral platziert in Artikel fünf. Das ist eine sehr hohe Relevanz für unseren Berufsstand. Gleichzeitig merkt man aber, dass die ganze Branche unter Druck steht. Es wird gespart. Medien kämpfen zum Teil ums Überleben. Es stellt sich die Frage, wie die Rolle des Journalismus in unserer Gesellschaft aussieht.
Sven Gösmann: Journalismus hat immer noch eine Funktion – auch wenn sie ihm manchmal abgesprochen wird. Er schöpft noch unglaublich viele Inhalte und damit auch Realitätsdarstellung oder Annäherung an die Realität. Ich nehme das alles als problematisch wahr und gleichzeitig als Riesenchance, weil ich mich auch ehrlicherweise mit dem Journalismus der vergangenen Jahrzehnte ziemlich gelangweilt habe. Der war sehr ritualisiert, sehr eingefahren, dieses Bescheidwissen. Also die dpa ist auch irgendwie ein Boomer, oder? Sie ist groß geworden in so einer Gewissheit. Und jetzt stehen wir da, wo wir sind, und sind verunsichert. Das ist aber manchmal gar nicht der schlechteste Punkt, weil er uns beweglicher macht.
Benedikt: Habt ihr Beispiele von Journalismus, den ihr alle toll findet oder interessant?
Ann-Marie Utz: Also für mich sind das vor allem Bewegtbildformate. Und Faktencheck-Formate, die junge Menschen aufklären und auch eine gewisse Medienkompetenz vermitteln.
Hilal Özcan: Ich finde, dass wir neue Perspektiven oder Veränderungen in der Branche nicht nur brauchen, um explizit junge Menschen mitzunehmen. Ich glaube, das gilt für jeden und vor allem auch für unterschiedliche Zielgruppen. Deshalb finde ich Formate oder Herangehensweisen im Journalismus wie den WDR-Morgen-Podcast „0630“ cool, die sich an ihren Zielgruppen orientieren und schauen: Was interessiert eigentlich gerade? Und ich finde es superwichtig, dass man nicht die Hoheit an sich zieht und über die Interessen der Zielgruppen hinweg Bericht erstattet.
Peter Kropsch: Die Verpackung muss so sein, dass du sie gerne konsumierst. Ganz offensichtlich ist es so, dass viele Leute wahnsinnig viel Spaß haben, Kurzformen zu konsumieren. Das muss man aber richtig gut machen, denn ich halte Vereinfachung für ebenso attraktiv wie riskant.
Hilal: Das stimmt, nur Vereinfachung reicht nicht. Wenn ich über die Sicherheitskonferenz in München auf TikTok vereinfacht erzähle, aber meiner Zielgruppe das Ereignis eigentlich völlig wumpe ist, dann bringt ja die Vereinfachung auch nichts. Verpackung hilft sehr. Aber inhaltlich braucht es mehr.
Sven: Ich glaube, dass das ein Feld ist, wo wir als Nachrichtenagentur besser werden müssen. Ein wichtiger Teil der Transformation ist: dialogischer werden. Zum Beispiel sind Privatradios beim Definieren ihrer Musikfarbe rein Fokusgruppen-orientiert. Somit sind sie deutlich näher an ihren Hörerinnen und Hörern als wir mit unseren Produkten. Eigentlich bräuchten wir Gruppen, die ständig mit uns in einem Marktaustausch sind. Meine Wunschvorstellung wäre eigentlich ein Bürgerpanel von 500 Leuten, die man regelmäßig befragen kann.
Peter: Performance-Modelle, bei denen die Kunden nur dann zahlen müssen, wenn es auch wirklich läuft in ihren digitalen Angeboten, das ist wahnsinnig ehrlich. Wenn das Rennen täglich läuft und du täglich siehst, dass du gut bist, dann geht es rauf. Wenn du nicht so gut bist, dann musst du dir die Frage stellen, was dein Kunde haben möchte. Das ist die härteste Währung, die es überhaupt gibt. Und ja, das ist genau der Weg, den Hilal aufgezeigt hat.