Lieber Sven, wann und wie hörst du eigentlich Radio?
Radio ist für mich ein Unterwegs-Medium. Immer dann, wenn ich im Auto oder im Zug sitze. Radio macht Spaß, und Radio kann Stimmungen beeinflussen. Und wie hältst du es mit dem Radiohören?
Ich höre Radio lustigerweise tatsächlich nur in Randzeiten. Also wenn ich morgens aufstehe, mache ich als Erstes das Radio im Badezimmer an, freue mich dann auch immer sehr. Ich höre fast ausschließlich Radio Paradiso. Dann höre ich auch unsere Kollegen, etwa mit Ratgeber- Stücken beispielsweise: Was macht gute Teamarbeit aus? Oder was hilft bei Rückenschmerzen? Ich höre auch am Wochenende, auch dann fast ausschließlich Radio Paradiso. Die haben zum Beispiel ein sehr tolles Format, nämlich den Gottesdienst zum Mithören. Das heißt, sie senden sonntags morgens von 10 bis 12 immer einen Gottesdienst, aber keinen klassischen, sondern tatsächlich eine lockere Unterhaltung mit einem Klerikalen ihrer Wahl. Und ansonsten höre ich tatsächlich tagsüber fast so gut wie nie Radio, weil ich mich da tatsächlich mehr auf Bilder und auf Videos konzentriere, was ja auch ein Teil meiner Arbeit ist.
Ja, irgendwie wächst ja sowieso alles zusammen. Und deshalb hast du ja auch die neue Aufgabe als Geschäftsführerin der Rufa bekommen und kümmerst dich innerhalb der dpa-Chefredaktion um alle audiovisuellen Themen. Welche Bedeutung hat das für dich?
In der neuen Nachrichtenwelt der dpa eine ganz zentrale. Ich bin überzeugt: Audiovisuelles gehört fest zusammen und mitten in die Struktur der dpa. Da müssen wir auch noch deutlich zusammenwachsen. Ich bin überzeugt, dass die audiovisuellen Themen einen immer größeren
Stellenwert in der nachrichtlichen Berichterstattung einnehmen. Die Menschen wollen nicht mehr nur lesen. Die Menschen wollen Nachrichten nicht mehr klassisch in der Zeitung lesen. Sie wollen aber auch nicht mehr auf klassischen Nachrichtenseiten Nachrichten konsumieren, sondern sie schauen sich Videos an. Sie hören sich Podcasts an. Sie hören sich Radio auch nicht mehr linear an, sondern hören sich die Informationen an, wann immer sie sie haben wollen. Vor allem müssen wir das deshalb auch in unserer Planung anders bedenken.
Ich bin da nicht so entschieden wie du, weil ich glaube, es gibt immer noch ein Publikum, das sich morgens auf seine Zeitung freut und die „Tagesschau“ um 20 Uhr, wo das Weltgeschehen für sie noch mal sortiert wird. Aber natürlich stimme ich dir zu, dass wir Themen gemeinsam denken und planen müssen. Wir hatten im Frühjahr auch gemeinsam diese tollen Kennenlern-Gespräche mit dem Team bei Audio, Voice und Podcast, im Jahr davor schon die wirklich tollen Onboarding-Gespräche mit den Kollegen vom Videobereich ... und eigentlich waren die Antworten ja immer relativ gleich: Wir haben O-Töne, wir sind draußen, wir wissen, was die Leute bewegt. Es wäre noch schöner, wenn der Rest der dpa stärker auf uns achtet und buchstäblich auf uns hört. Und ich glaube, das haben wir beide uns ja vorgenommen!
Ich glaube, dass wir da noch einen weiten Weg vor uns haben, weil Audio und auch Video eher stiefmütterlich behandelt wurden. Die Leute orientieren sich nicht mehr an Zustellzeiten der Zeitung, sie orientieren sich nicht mehr daran, wann fängt die „Tagesschau“ an. Auch wenn natürlich noch viele Leute die „Tagesschau“ sehen. Gerade in diesen Zeiten, in denen wir uns ja gerade befinden, ist diese Einordnung der klassischen Medien, der Öffentlich-Rechtlichen, aber auch von dpa natürlich total wichtig. Aber daneben gibt es eben eine ganze Generation von Nachrichtennutzern, die sich eben anders informieren, die zum Teil gar nicht mehr wissen, wann die „Tagesschau“ anfängt, sondern die sich ihre Informationen aus ganz vielen anderen Kanälen holen. Und darauf müssen wir vorbereitet sein!
Dazu passt mein Erlebnis der jüngeren Vergangenheit ganz schön: Wir haben ja gerade eine buchstäblich große Baustelle. Das ist der neue Newsroom, der nicht weit vom alten hier in Berlin-Kreuzberg entstehen soll. Und ich glaube, als wir in der Planungsgruppe zusammensaßen, gab es viele Fragen zur Grundidee: Wie viel klassischer Newsroom wird das noch, wie viel Begegnungsstätte bzw. Coworking Space wird es? Wozu es gar keine unterschiedlichen Auffassungen gab, war die Tatsache: Ins Erdgeschoss, ins Herz des Ganzen, gehören die Studios von Audio und die Arbeitsplätze und die Studios von Video. Damit sie sichtbar sind und wir uns alle immer wieder daran erinnern: Wir sind ja auch die, die die Timelines füllen! Unsere Inhalte werden genutzt, um in sozialen Medien zu informieren oder auch auf den Plattformen von großen Medienmarken.
Und das war etwas, was mich sehr gefreut hat, dass das überhaupt keinen Dissens gab, sondern da waren sich alle einig. Wenn ich das mit dem Status vergleiche, den ich bei meinem Start vor acht Jahren vorfand! Das war anders. Die Audioredakteure saßen dort am Rand. Die Video-Leute waren noch gar nicht vorhanden. Fernsehen war für uns kein Thema. Podcast begann zwar überall, aber noch nicht bei dpa. Da sind wir wirklich ein großes Stück weiter!
Am besten kriegen wir die Menschen meines Erachtens mit, indem wir ihnen immer wieder sagen: Prüfe doch mal dein eigenes Verhalten! Viele von uns haben einen Instagram-Account, jeder von uns hat einen Twitter-Account. Jeder von uns guckt sich die Sendung an, die er möchte. Und wenn ich diesen Maßstab an mein Arbeitsverhalten anlege, sind wir gar nicht weit entfernt davon, was wir tatsächlich auch für den Markt da draußen brauchen. Was wir aber derzeit häufig machen, ist: Wir trennen unser privates Verhalten von unserem beruflichen. Viele von uns machen tolle Fotos und laden sie zum Beispiel auf Instagram hoch. Keiner kommt auf die Idee, mal zu sagen: Hey, ich gehe gerade durch den Wald spazieren. Das ist ein schönes Wetter-Feature-Foto für den Bildfunk!
Noch eine Frage: Am Anfang habe ich bei dpa das Zielbild des crossmedialen Journalisten gehabt. Also: er oder sie, die alles machen und alles können. Ich bin wieder davon weg. Dich habe ich gerade auch so verstanden: Lass es mal gut sein, wir haben doch wirklich gute Kameraleute. Wenn du die richtig einplanst, dann liefern sie dir die Bilder, und da können wir vielleicht auch noch die Töne nehmen für Audio. Wie siehst du das? Ist das Expertentum doch nicht am Ende, wie ich das vor ein paar Jahren geglaubt habe?
Überhaupt nicht. Ich glaube, gerade jetzt befinden wir uns bei dpa in der Phase, in der es ganz wichtig ist, dass wir mit Experten zusammenarbeiten. Bei dpa hatte beispielsweise bis vor zwei Jahren niemand eine TV-Expertise, und wir haben uns diese über TNN dazugekauft. Und mit diesen Experten müssen wir zusammen Strategien entwickeln, wie wir das Thema Fernsehen auch mehr in die dpa hineinbekommen. Und wenn wir zusammen planen, zusammen anders denken, dann kriegen wir, glaube ich, am Ende des Tages ein gutes Projekt hin.
Ist eigentlich Rohmaterial für uns die Zukunft oder auch der gute eigene Beitrag?
Am Ende wird es beides sein. Wir merken, dass auch die großen digitalen Kunden keine fertigen Beiträge mehr von uns haben wollen. Denn sie wollen Rohmaterial haben, weil sie das Material selber schneiden wollen mit ihren Stimmen, mit ihrer Art und Weise, Geschichten zu erzählen. Aber es wird noch genügend digitale Häuser geben, die können sich keine eigene Video-Abteilung leisten. Und da kommen wir mit unseren fertigen Beiträgen ins Spiel. Natürlich müssen wir am Ende des Tages beides liefern. Aber Rohmaterial wird mehr und wichtiger.
Wie hältst du die ganzen Bälle als Chefin Audiovisuelles in der Luft? Du führst auch noch ein sehr großes Fototeam. Mit dem Audio- und Videoteam sind das weit mehr als 100 Mitarbeitende. Jetzt erhältst du zur Unterstützung einen Head of Photo bzw. Fotokoordinator, einen Head of Video. Was verbirgt sich hinter diesen Rollen?
Ist meine Aufgabe anstrengend? Ja, aber es macht auch unfassbar Spaß. Wie halte ich die Teams zusammen? Ich weiß gar nicht, ob mir das so gut gelingt, wie ich das möchte. Aber letztlich eint diese Teams alle das eine: Sie wollen am Ende des Tages ein gutes Produkt machen und wollen auch mehr wahrgenommen werden. Head of Video, neuer Fotokoordinator – das sind Positionen bzw. Kollegen, die wir uns jetzt neu reinholen, damit wir am Ende des Tages diese ganzen Strategien aus einer Denke heraus umsetzen können. Unser Head of Video beispielsweise: Wir dürfen Video nicht mehr getrennt vom Rest der Angebote sehen, sondern wir müssen die Geschichten, die wir planen und umsetzen, aus einer zentralen Video-Perspektive sehen und überlegen. Wenn wir ein Video erstellen, brauchen wir eine zentrale Anlaufstelle, die die Themen und das Material bewertet.
Nun bist du ja auch neuberufene Geschäftsführerin der dpa-Tochterfirma Rufa, in der wir unsere Video- und Audioaktivitäten gebündelt haben. Video ist für dpa ein Wachstumsbereich, oder?
Auf jeden Fall!
Ich bin beim Podcast fasziniert in eine neue journalistische Welt eingewandert. Wir müssen ja bei Spotify oder anderen Plattformen Menschen zuerst von einer Idee überzeugen, ehe wir etwas produzieren wie einen Prototyp. Dass dpa jetzt auch lernt, journalistische Ideen im Auftrag zu entwickeln, ist nicht unbedingt unsere bisherige Herangehensweise. Wir sind super in der Beschreibung der Welt, in der Erklärung und in der Einordnung der Welt. Aber wir erfinden ja nicht jeden Tag die Welt neu, wie das andere Marken machen müssen. Mich reizt diese andere Produktdenke sehr. Noch ein Beispiel: der Audio Hub. Endlich versuchen wir, unseren Archivschatz, in diesem Fall von O-Tönen, zu heben – kombiniert mit neuen Tönen, die wir liefern.
Es ist richtig, was du da sagst. Wir müssen pitchen lernen. Wir müssen vor allem lernen, dass man mit Unterhaltung, mit guter Unterhaltung auch Geld machen kann und dass man da eine starke Konkurrenz hat. Unterhaltung kann dpa noch nicht, genauso, wie dpa noch nicht lange zu pitchen gelernt hat. Richtig begriffen habe ich den Wert des Audio Hub erst, als wir letztens das Gespräch mit der Kollegin hatten, die uns voller Begeisterung erzählte, dass wir die Geräusche des Breitmaulnashorns in unserem Audioarchiv haben, die Art ist fast ausgestorben.
Es gibt noch zwei. Genau.
Ein Mega-Schatz!
Wenn man schaut, wie wir die ganze Agentur entwickeln, so ist ja Messbarkeit etwas total Wichtiges. Du bist jetzt Rufa-Geschäftsführerin und Chefin Audiovisuelles der Redaktion, Vanessa Burghardt ist deine Prokuristin. Ich steuere inhaltlichen Input bei, wir entwickeln gemeinsam die Richtlinien dieses Bereichs. Messbarkeit ist ein Schlüssel für die neue dpa. Wir versuchen das ja gerade an vielen Stellen, den Erfolg unserer Produkte noch genauer zu messen. Das Faszinierende an Video in deinem Bereich ist doch: Es sind die ehrlichsten Zahlen, die es gibt. Das ist der Verkauf von Material an Fernsehsender, oder?
Ja, wir gehen auf die Straße, wir produzieren einen TV-Beitrag, Rohmaterial oder ein Digital-Video. Schon drei Stunden später wissen wir, ob es gut war oder nicht, weil es entweder gekauft wurde oder nicht. Das heißt, wir haben einen sehr direkten Kundenkontakt da. Wir wissen sofort, das hat funktioniert und das haben wir verkauft. Das ist natürlich bei den anderen Produkten der dpa momentan ehrlicherweise noch nicht so, weil hinter einem Basisdienst eine längerfristige Auswertungsstrategie und Kundenzufriedenheit liegt.
Wie würdest du die Bildsprache der dpa definieren?
Erst mal ist die Fotosprache der dpa informativ und sehr plakativ. Wir bilden eins zu eins ab, was auf der Straße passiert. Wir haben aber natürlich auch darüber hinaus vieles zu bieten, gerade in den Bereichen Features und Symbolbild. Da haben wir ganz großartige Künstler, die einfach mit anderen Perspektiven aufwarten, als wir das bislang vielleicht getan haben, denen wir auch mehr Raum geben.
Ich suche immer noch einen Claim dafür. Vielleicht kannst du mir helfen, mit deinem noch frischeren Blick auf die Agentur. Es gibt den berühmten Satz von Augstein für den „Spiegel“: „Sagen, was ist.“ Was wäre das für unsere Bildsprache: „Zeigen, was ist?“
Das kann man übergreifend für die andere Art sagen, wie wir in Zukunft eigentlich Geschichten machen wollen und müssen, und das ist nicht nur fürs Foto. Ein Claim für alle Redaktionen der dpa könnte sein: Wir sind da, wo die Menschen sind.
Silke Brüggemeier ist stellvertretende Chefredakteurin der dpa und Chefin Visuelles. Außerdem ist sie Geschäftsführerin des Tochterunternehmens Rufa Rundfunk-Agenturdienste GmbH und steuert die Bild-, Video- und Audio-Berichterstattung der dpa.
Sven Gösmann ist seit 2014 Chefredakteur der dpa.
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Die vierköpfige Chefredaktion der dpa im coronabedingt leeren Berliner Newsroom: Silke Brüggemeier (Stellvertretende Chefredakteurin und Chefin Visuelles), Antje Homburger (Stellvertretende Chefredakteurin und Chefin Aktuelles), Sven Gösmann (Chefredakteur) und Jutta Steinhoff (Stellvertretende Chefredakteurin und Chefin Netz), v. l.