Geschäftsbericht
2020
17/55

Die Chefredaktion der dpa (v. l.): Jutta Steinhoff (Stellv. Chefredakteurin), Antje Homburger (Stellv. Chefredakteurin), Silke Brüggemeier (Stellv. Chefredakteurin), Sven Gösmann (Chefredakteur). Das Foto wurde am 4. Januar vor der Berliner dpa-Zentralredaktion am ersten Arbeitstag von Silke Brüggemeier aufgenommen. Niddal Salah-Eldin (nicht auf dem Bild) wechselt nach dem Ende ihrer Elternzeit im September 2021 zur Axel Springer SE.

Wenn kein Rechenschaftsbericht, was dann? Ich versuche es mal so: 

Wir leihen uns von Marty McFly und Doc Brown den DeLorean mit dem Fluxkompensator (ein Wort, das es nie in einen Basisdiensttext geschafft hat) und reisen in die nicht allzu ferne Zukunft, vielleicht ein oder zwei Jahre weiter.

Corona ist eine böse Erinnerung. Allerdings hat den Handschlag das Schicksal der Krawatte ereilt, beide verschwanden aus dem Alltag. Kanzler Laschet, Vizekanzlerin Baerbock und Finanzminister Lindner ringen wie das Land immer noch mit den Folgen der Pandemie. Die dpa ist vergleichsweise gut durch die Krise gekommen, wie auch die meisten ihrer Kunden. Journa­lismus als aufklärerische Dienstleistung ist hoch angesehen und vielen Bürgern immer noch ihr Geld wert. 

Die dpa-Redakteurinnen und -Redakteure arbeiten genauso zuverlässig, aber vollkommen anders als vor der Krise. Längst ist das Homeoffice fester Bestandteil ihres Alltags. Es ist gleichgültig, wo etwas entsteht. Wichtig ist, was entsteht. Nur multimedial gedacht, effizient gemacht und schnell muss es sein.

Ambidextrie (Beidhändigkeit) ist das Kern-Paradigma unserer redaktionellen Prozesse. Also die Orchestrierung des bestehenden Geschäfts und der Erweiterung der Geschäftsmöglichkeiten durch den Einstieg in neue Bereiche, die Entwicklung innovativer Produkte und Dienstleistungen. Redaktionelle Stichworte sind die Profile-Prozesse, die Einführung des zentralen Deutschland-Desks oder die Neuausrichtungen des Englischen und des Spanischen Dienstes, aber auch die seit ihrer Einführung wachsenden Felder Fakten­check und Datenprodukte, der neue Audio Hub und die Podcast-Produktion.

Die dpa-Uhr hat sich auch buchstäblich weitergedreht. Längst sind die digitalen Primetimes Taktgeber des Redaktionsgeschehens. Aus einem siloartigen Angebot wurde die „Whole Story“, produziert in der neu eingeführten redaktionellen Softwarelandschaft Rubix. Der Name erinnert wegen der für den Nutzer unsichtbaren Komplexität und der flexiblen wie harmonierenden Einzelteile an den berühmten Zauberwürfel. Das Front-End selbst ist aber ein schlankes, browserbasiertes, auf allen Devices nutzbares Angebot. Jeder Redakteur bekommt nur das zu sehen, was er nutzt.

Die Produkte und wie sie am schnellsten und barrierefrei zum Kunden kommen, nicht mehr die interne Sicht auf die Dinge, bestimmen den Takt dieser Rubix-dpa.

Jedes Tool ist nur so gut wie die Menschen, die seine Möglichkeiten nutzen. Auch hier ist viel passiert. Produktverständnis und Produktentwicklung sind neu. Ein digital fokussiertes Monitoring und präzise Analysen für die immer noch erfolgreiche Welt linearer und digitaler TV- und Radioprogramme sowie die immer noch stattliche Printauflage der dpa-Gesellschafter fließen in ein neues Feedback.

Die redaktionellen Prozesse sind so aufgesetzt und verinnerlicht, dass wir uns flexibel an den Bedürfnissen unserer Kunden orientieren, inhaltliche Schwerpunkte setzen und effizienter und schneller arbeiten. Faktenchecks bieten wir unseren nationalen und internationalen Kunden mittlerweile für Text, Bild, Audio und Video an; dieses Geschäftsfeld wächst mit der zunehmenden Bedeutung von synthetischen Medien immer weiter. Nachdem für Medien und Unternehmen die Arbeit mit Daten auch über die Corona-Krise hinweg immer wichtiger geworden ist, unterstützen wir mittlerweile mit verschiedenen dpa-Produkten bei der Arbeit mit Datensätzen und Visualisierungen.

Schnelligkeit wurde auch und vor allem durch die Zentra­lisierung von Entscheidungen gewonnen. Weniger Hierar­chie­ebenen, dafür mehr Verantwortung für Einzelne, ausgebildet in neuen Personalentwicklungsprogrammen, helfen hier wahnsinnig weiter. Führungswerkstätten etwa gehören zum Rüstzeug einer und eines jeden, die bei dpa neue Verantwortung übernehmen oder sie schon innehaben.

Der Newsroom selbst ist eine Wanderbaustelle voller Ideen. Shared Desks, Entscheiderhubs, neue Studios für die Live-TV- und Voice- und Podcast-Produktionen flankieren ihn. Ohnehin sind unsere Produkte deutlich visueller und vielfältiger geworden. Es wird umfassender geplant, härter diskutiert, schneller entschieden, konsequenter bearbeitet. Nur geschrieben wird im Newsroom weniger. Selbst die Mail-Flut ist eingedämmt. Office 365, permanente Videoschalten in Großlagen machen es zunehmend unwichtig, wo jemand arbeitet, solange er gutes Netz hat.

Umso beliebter sind die regelmäßigen Teamtreffen in den neugestalteten Begegnungsflächen. „Konferenzraum“ ist als Begriff und Idee im Papierkorb der Organisatio­ns­­­geschichte gelandet.

Die gewandelte dpa geht bewusster mit Ressourcen um: Termine beim Kunden gern in Präsenz, auch freie Fahrt für mobile Teams in Großlagen, die die Mannschaften vor Ort rasch verstärken. Reisen um des Reisens willen und aus Tradition sind verpönt. Im Inland wird, wo irgend möglich, Zug gefahren, jeder Flug ist gut überlegt, der Strom ist öko, das Bewusstsein füreinander sozial sensibel, ohne sich dem Zeitgeist an den Hals zu werfen.

Mit flexiblen Modellen und dem Bewusstsein, im Kraftwerk der Demokratie zu arbeiten, ist die dpa-Redaktion so attraktiv für junge Menschen vielfältiger Prägung, die Arbeit anders verstehen als die Generationen vor ihnen. Sie wollen Werte schaffen, die bleiben, ohne gleichzeitig andere Werte zu zerstören. Nicht ihre Zeit in Hierarchien vergeuden.

So könnte das also aussehen. Ich freue mich darauf. Wir werden Sie nicht enttäuschen. 


Sven Gösmann ist Chefredakteur der dpa. Nach Stationen unter anderem bei der Rheinischen Post und Bild wechselte er 2014 zur Deutschen Presse-Agentur.